Dienstag, den 12.5.1998

 

 

 

 

 

 

Gegen 7.30 Uhr bin ich in Esslingen bei schönstem Wetter weggefahren.

Die Reise führte mich über Reutlingen, an der Burg Lichtenstein vorbei, nach Seringen-Stadt. Hier machte ich eine kleine Rast und besichtigte die Burgruine. Anschließend ging es das schöne Donautal entlang nach Beuron von dort nach Sigmaringen. Hier legte ich eine größere Pause ein und besichtigte das Schloss. Und weiter ging die Fahrt nach Schaffhausen.

Die Jugendherberge, die sich hoch über dem Rheinfall in einem Schloss befindet, in dem ich schon 1967 auf meiner Reise mit dem Fahrrad um den Bodensee übernachtete, habe ich sofort gefunden. Es hatte sich in der “Jugendherberge” in all den Jahren so gut wie nichts geändert. Die Betten knarrten noch genauso wie damals und die Einrichtung war noch so, wie ich sie im Gedächtnis hatte. Alles urgemütlich.

Ich habe mir die Gegend angeschaut, bin dann am Rheinfall entlang spaziert und nach Schaffhausen gefahren.

100 DM wechselte ich in Schweizer Franken und bekam dafür genau 82 Franken und 40 Rappen.

Ich überlegte, ob ich die große Tour nach Frankreich über Grenoble nach Italien fahre. Es kommt vor allen Dingen auf das Wetter an.

Es ist auch eine Frage, wie ich vorwärts komme. Bisher habe ich noch keine Erfahrung, wie weit man mit dem Roller an einem Tag fahren kann, ohne dass einem der Allerwerteste weg tut und die Sache keinen Spaß mehr macht.

Ich hab mir gesagt, wenn ich morgen bis 12 Uhr in Bern sein kann, versuche ich es. Morgen ist aber schon Mittwoch – irgendwann möchte ich auch wieder heim. Der Rheinfall, kann ich auf einer Tafel lesen, ist 150 Meter breit, 23 Meter hoch und ist ca. 14 -17.000 Jahre alt.

 

 

Mittwoch, den 13.5. 98

 

 

20.37 Uhr. Ich bin jetzt am Genfer See, in Lausanne, einem wunderschönen Städtchen mit ca. 125.000 Einwohnern.

Die Fahrt führte mich von Schaffhausen nach Bern, wo ich einen ausgedehnten Spaziergang unternahm. In Bern kam ich um 12.15 Uhr an. In Lausanne war ich gegen 16.00 Uhr.

Von Schaffhausen bis Bern bin ich etwa 3 Stunden gefahren, dann von Bern nach Lausanne nochmals 2 Stunden. Insgesamt habe ich heute 296 km zurückgelegt. Tachostand: 826 km.
Mehr als 300 km sollte man nicht fahren, sonst macht die Sache keinen Spaß mehr. Rollerfahren ist schön, aber auch anstrengend.

 

 

Donnerstag, den 14.5.98

 

 

Abfahrt von der Jugendherberge war um 8.00 Uhr. Bis nach Genf sind es 59 km. Ich beschließe, die Route du Lac zu nehmen, also die Straße direkt am See entlang. Die Straße führt an prachtvollen alten Villen und Chateau`s vorbei. Nach 70 Minuten bin ich in Genf.

Es ist jetzt 19.00 Uhr. Ich sitze beim Abendbrot mit ein bisschen Käse, einem Baguette, einer halben Flasche Wein und 1,5 Liter Sprudel. Ich habe mir das genehmigt, weil die Reise bis jetzt sehr schön war, genau wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich höre im Radio die “Deutsche Welle”.

Der Motorroller läuft einwandfrei. Das Standgas hat sich etwas verstellt, der Roller geht im Leerlauf aus. Kein Problem, man kann es bequem nachstellen.

Außerdem habe ich unter dem Motor etwas Öl entdeckt, konnte aber nicht feststellen, woher es gekommen ist. Ich habe es abgewischt und damit hatte es sein Bewenden.

In der Ferne leuchten gewaltige Blitze, es donnert schon seit geraumer Zeit, man sieht auch, dass es regnet. Gott sei Dank, bis hierher ist das Wetter noch nicht gekommen. Hier ist es noch brütend warm, hoffentlich bleibt es so.

Ich bin heute 237 km gefahren – Km Stand: 1.063.

 

 

Freitag, den 15.5.98

 

 

Zeit 8.45 Uhr. Heute haben wir wieder ein schönes Wetter. In der modernen Jugendherberge (im Schlafsaal ca. 50 Betten) gab es keine Tassen; den Kaffee trank man aus riesigen Schalen und Bechern. Der Teller war das Tablett, aber das tat der Sache keinen Abbruch.

Der Kaffee ist dafür hervorragend und das Frühstück ebenso. Ich habe einen Kanadier kennen gelernt, 20 Jahre alt. Er ist mit dem Auto unterwegs und das erste Mal in Europa. Ich habe mich mit ihm prächtig unterhalten.

Er war interessiert an römischen Ausgrabungen und hatte keine Ahnung, in welcher schönen Gegend er sich befand. Ich habe im gesagt, er solle nach Arles fahren, nach Avignon und nach Nimes, den Pont du Gard ansehen.

Nach Grenoble steigt die Straße auf 20 km beständig an. Die Temperaturen sinken etwas, aber dafür werde ich durch eine grandiose Bergwelt entschädigt. Mir macht es richtig Spaß, zu fahren.

Die Straßen sind nicht stark belebt. Was auffällt, sind hin und wieder einige Radfahrer, schon älteren Baujahres, die mit Begeisterung die Berge hinaufstrampeln.

Nach 39 km komme ich in La Wöhr an.

Kurze Zeit später bin ich an der Stelle, an der Napoleon auf seiner Flucht von Elba in Frankreich auf die königlichen Truppen unter Marschall Ney, den “Bravsten der Braven”, wie ihn Napoleon beim Rückzug aus Rußland, im Jahr 1812, nannte, gestoßen ist. Ney, ein Saarländer aus einfachen Verhältnissen, der es durch Tüchtigkeit in der Revolutionsarmee Frankreichs bis zum Marschall von Frankreich gebracht hatte, hatte Ludwig XVI versprochen, Napoleon in einem eisernen Käfig nach Paris zurückzubringen.

Diese Stelle wird “der Ort der Begegnung” genannt. Ein Reiterstandbild Napoleons ist aufgestellt; im Tal blinkt ein See. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Szene vorzustellen, in der Napoleon allein auf ein ganzes Batallion zuging und den Soldaten zurief: “Soldaten, erkennt ihr euren Kaiser! - wer auf mich schießen will, soll es jetzt tun”. Mit unbeschreiblichem Jubel hoben die Soldaten Napoleon auf die Schulter, kurze Zeit später war er in Grenoble, Ney hatte seine Stellung bei Napoleon wieder.

Als Napoleon auf seiner Flucht aus Elba den Fuß wieder nach Frankreich lenkte, hieß es in den Zeitungen: Das Ungeheuer ist aus Elba geflohen; in Grenoble: Napoleon ist in Grenoble eingezogen; in Paris: Der Kaiser ist zurückgekehrt. Ludwig XVI. war vorher geflohen. “Vielleicht lässt mich das Volk so ziehen, wie es ihn empfängt”, soll er vor seiner Flucht gesagt haben. Napoleons Stern war noch einmal glänzend aufgestiegen und versank blutig nach 100 Tagen auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Ney wurde als Hochverräter erschossen.

Ich fahre zunächst weiter bis nach Sisteron, das ich um 14.00 Uhr erreiche. Hier genehmige ich mir einen Kaffee, das Wetter ist nicht mehr ganz so gut – es zieht sich zu und es windet. Hoffentlich bleibt es so und es regnet nicht.

Nach einem Telefongespräch mit der besten aller Ehefrauen revidiere ich in Sisteron meinen Entschluss, nach Nizza und über Italien wieder zurück zu fahren und fahre wieder nach Grenoble.

Vorher habe ich in Sisteron die sehr interessante Zitadelle besichtigt und mir einen Kaffe genehmigt.

Als ich zurück gefahren bin, hat es angefangen zu regnen. Es gab einen ordentlichen Guss, aber die Regenbekleidung hat sich bewährt. Ich bin dann wieder in Grenoble um 19.10 Uhr angekommen. An diesem Tag bin ich 325 km gefahren – Tachostand 1.382 km.

 

 

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