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Rund um den Passo dello Stelvio

 

 

 


 

 

Von den weiten Ebenen des Niederrheins zu den mächtigen Felsformationen des Nationalparks „Stilfser Joch“ mit seinen Hochgebirgen, ewigen Gletschern, Almwiesen, Wäldern und Tälern. Er ist einer der größten und interessantesten Nationalparks Europas und erstreckt sich über das gesamte Ortler- und Cevedale-Massiv.

 

 

Der Weg ist das Ziel

 

 

Eigentlich sollte es eine reine Motorrollerreise werden. Die beste Sozia der Welt, meine Honda Silver Wing 600 und ich. Wenige Tage vor Tourbeginn hat allerdings meine Bandscheibe etwas dagegen. Die Physiotherapeutin meines Vertrauens gibt alles, mich wieder fit zu bekommen. Dann die Entscheidung: ein Motorradanhänger muss her. Gedacht, getan und losgefahren. Wir lassen es gemütlich angehen. 100 km/h auf der Autobahn. Ein Gespann ist schließlich kein Eilzug. Die Entscheidung, den Roller anzuhängen, stellt sich als richtig heraus. Es kübelt stundenlang wie aus Eimern. Am Starnberger See, im Klosterort Beuerberg, legen wir dem Rücken zuliebe im Gasthaus/Pension „Zur Mühle“ einen Zwischenstopp ein. Die Loisach rauscht, dazu bayrische Schmankerl und ein, zwei Halbe, da fühle ich mich schon besser.
Am nächsten Tag geht es vorbei an Garmisch-Partenkirchen und der Zugspitze (2.962) südwärts. Am Fernpass (1.215) stehen wir erst einmal; eine Stunde stop and go. Urplötzlich löst sich der Stau auf und die Sonne bricht durch die Wolkendecke.
Hinter Pfunds überquert die B180 den Inn auf der Kajetansbrücke und wendet sich zum Finstermünzpass (1.188). Bis zur Festung Nauders ist die teilweise in Fels gehauene Straße sehr schmal und führt dicht am steilen Abhang durch enge Tunnel, Galerien und Kurven. Unterwegs komme ich gelegentlich mit meinem Anhänger doch etwas ins Schwitzen; insbesonders, wenn uns wieder einmal ein Reisebus entgegenkommt. Da ist der folgende Reschenpass (1.507) deutlich entspannter zu fahren. Der Blick fällt auf einen nahe dem Ufer im Wasser stehenden Kirchturm. Das Wahrzeichen des Vinschgaus ragt märchenhaft vor der Bergkulisse des Langtauferer Tals aus den klaren Fluten des Reschensees. Ein beliebtes Fotomotiv; entsprechend groß ist der Touristenrummel. Die Passhöhe selbst bietet keinerlei Grund zum Verweilen; dafür bekommt die Landschaft immer mehr südländischen Charme. Erste Apfelplantagen tauchen auf, dann nehmen wir hinter dem mittelalterlichen Örtchen Glurns die Auffahrt zum Passo delle Stelvio in Angriff. Hier erwartet uns schon in Kehre 22 unsere Unterkunft, das Berghotel Franzenshöhe.

 

 

8 auf einen Streich

 

 

Stilfser Joch

 

 

Wir werden vom Pfeifen der Murmeltiere geweckt. Kuhglockengeläut vertreibt den letzten Schlaf. Die Luft ist von besonderer Klarheit; der Himmel zeigt sich in einem leichten Hellblau. Die Sonne steht über dem Furcht erregende Steilhang, an dessen Ende sich die Tibethütte am Horizont erhebt. Evi hat schlecht geschlafen. Sie ist in der Nacht das an den Hang geklebte Asphaltband in Gedanken immer wieder gefahren. Auch das Frühstück will ihr nicht so richtig schmecken, denn jetzt wird es ernst. Die Silver Wing ist schnell abgeladen. Noch kurz den Ölstand geprüft, dann erwacht der Motor zum Leben. Über 600 Höhenmeter schraubt sich die Siwi vorbei an Schotterhalden, Schneeresten und spärlich bewachsenem Fels hinauf zur „Königin der Alpenpässe”. Der Beiname „Höchster Rummelplatz Europas“ stimmt jedoch ebenfalls, angesichts der vielen Souvenirläden und Bratwurststände. Quasi zur Entschädigung bietet der Passo dello Stelvio (2.757) dafür ein grandioses Panorama auf das Ortler-Massiv (3.905) und den Monte Scorluzzo (3.094). Hier oben ist die Luft schon recht dünn. Die Gashand ist daher ständig gefordert, um den Motor meiner Honda am Leben zu halten. Noch ein kurzes Fotoshooting, dann nehmen wir die 39 Kehren nach Bormio unter die Räder. Recht zügig geht es entlang des Brauliobachs durch das Hochtal Bocca del Braulio. Ein baumlose Tal wie ein schottisches Hochmoor. Eng am Hang geschmiegt zieht sich der Asphalt hinab. Das wilde Gebirgstal mit fast senkrechten Felswänden bietet phantastische Ausblicke hinunter in das schäumende Flussbett des Braulio. 12% Gefälle, in den Fels gehauene, unbeleuchtete Tunnel. Galerien schützen vor Lawinen und Steinschlägen. Wasser stürzt den Berg hinab. In Bormio schwenken wir zum recht unspektakulären Passo di Foscagno (2.291) ab. Unser Ziel ist das Zollfreigebiet Livigno. Von der Passhöhe des Passo d'Eira (2.209) haben wir einen fantastischen Blick hinunter ins Valle di Livigno, das wir über einige große Schleifen erreichen. Hier ist erst einmal Cappuchinopause und der Besuch einschlägiger Parfümerien angesagt. Gestärkt und dafür mit einigen Euro weniger in der Tasche gleiten wir über die Via Freita, welche dem Forcola di Livigno (2.315) zustrebt. Durch einige Lawinengalerien geht es auf ordentlicher Piste zügig bergan; die Strecke erlaubt einen flotten Fahrstil. Nach wenigen Kilometern erreichen wir die Passhöhe Marke „unscheinbar“, welche die Grenze zwischen Italien und der Schweiz bildet. Das Gefälle der Abfahrt beträgt bis zu 16% und führt durch eine karge und Felslandschaft. Hinter der Schweizer Zollkontrolle an der die Zollfrei-Touristen Schlange stehen, biegen wir zum Bernina Pass (2.330) ab. Der Bernina Albula Passschiebt sich im äußersten Osten über die gewaltige Berninagruppe, die im Piz Bernina (4.049) ihre majestätische Krönung findet. Fahrerisch wenig anspruchsvoll begeistert er vor allem durch seine grandiose Landschaft. Bereits nach 4 km liegen das Ospizio Bernina und kurz darauf das Passschild für die "Ich war auch hier-Fotos„ unvermittelt vor uns. Entlang zweier kleiner Gletscherseen, dem Stausee Lago Bianco und der Talstation der Seilbahn Bernina-Diavolezza, die in ein beeindruckendes Berg- und Gletschergebiet führt, geht es abwärts Richtung Pontresina. Wir kreuzen die Gleise der Rhätischen Bahn, die auf abenteuerlicher Trasse den Pass überquert. Vor allem die tolle Aussicht auf die Schnee- und Eiskristalle des Morteratschgletschers macht die Abfahrt lohnenswert, ehe wir in dichten Nadelwald eintauchen. Hinter Pontresina verlassen wir die N29 führ einen Abstecher ins nahe gelegene St. Moritz (wenn man schon mal da ist). Der mondäne Wintersportort und Treffpunkt des Jetsets glänzt durch beeindruckende Luxushotels, wie z.B. das Badrutt's Palace Hotel oberhalb des St. Moritzersees und einen eigenen Airport. Er ist zugleich Start- und Zielstation der Bahnklassiker Glacier- und Bernina Express. Allerdings tragen einige Hochhäuser nicht unbedingt zur Verschönerung der Landschaft bei. Na ja, St. Moritz kann man, muss man sich aber nicht ansehen.
Von La Punt Chamues-Ch aus machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Albula Pass (2.312). Einmal rauf zum Sattel des Albula und wieder runter. Von der Terrasse des Albula Hospiz haben wir einen großartigen Rundblick auf die Gipfel der Rätischen Alpen. Den lassen sich die Schweizer auch gut bezahlen. 2 Kaffee für 10 CHF !!! Die Rückfahrt ist dank zahlreicher Kehren schnell geschafft und endet mit einer kleinen Serpentinengruppe wieder an der Talstraße.
Die nächsten 20 km geht es praktisch nur geradeaus. Entlang der Inn (rät. En) trägt uns die Engadiner Talstraße nach Zernez im Schweizer Kanton Graubünden. 20 lange Km durch unzählige, geschotterte Baustellen. Eine graue Decke legt sich über uns. Das Visier bleibt zu - Feinstaubgefahr!
Ofen PassDas Dorf Zernez, am Zusammenfluss von Inn und Spöl, ist das Tor zum „Parc Naziunal Svizzer“, dem größten Schweizerischen Nationalpark. Hier beginnt der Aufstieg zum Pass dal Fuorn (2.149), dem Ofenpass. Kurvenarm führt eine perfekt asphaltierte Piste entlang der Flüsschen Spörl und Ova dal Fuorn durch lichten Föhrenwald. Die Silver Wing brummt sanft; entspanntes Dahingleiten ist angesagt. Nur gelegentlich muss ich etwas am Gasgriff ziehen, um eine bollernde Harley Davidson hinter uns zu lassen. Auf der Passhöhe erwartet uns ein kleiner Kaffee. Mehr lässt die Urlaubskasse nicht zu, bei Preisen von fast 15 CHF für eine Bratwurst mit Pommes. Dafür ist die Sicht auf den waldbedeckten Nationalpark, den Piz Nair (3.010) im Norden und den Piz Daint (2.969) im Süden kostenlos.
Ein Serpentinenabschnitt mit weiten, gut ausgebauten Kehren markiert die Abfahrt ins grüne Münstertal (Val Müstair). In Santa Maria endet die Ofenpassstraße. Leicht zu übersehen zweigt hier mitten im Ort die Passstraße zum Umbrail (2.503) ab. In engen Serpentinen schlängelt sich die einspurige Straße zunächst durch grüne Almwiesen und taucht dann in dichte Nadelwälder ein. Gelegentlich öffnet sich der Wald und bietet einen letzten Ausblick zurück ins Münstertal.
Auf nur 16 Kilometern nehmen wir 35 Spitzkehren unter die Räder. Eine einzige Achterbahn und einmaliges Kurvenvergnügen. Im zunehmend karger werdenden Val Muraunza folgen weitere Kehrengruppen. Die Baumgrenze haben wir längst passiert. Hinter jeder Biegung erwarten wir bereits die Passhöhe, doch diese hält sich in der kargen Landschaft gut versteckt. Auf den letzten 1,5 km zieht die Straße nochmals auf 10% Steigung an. Dann zwei letzte Serpentinen und die Kuppe der Passhöhe liegt vor uns. Der Kamm des Stilfser Jochs winkt bereits in naher Ferne herüber. Die kleine Zollstation ist seit dem Beitritt der Schweiz zum Schengener Abkommen nicht mehr besetzt. Als die Sonne langsam hinter den Gipfeln der Bergketten bieten noch einmal die Süd- und Nordrampe des Jochs letztes Fahrvergnügen - und natürlich die Aussicht auf ein leckeres Abendessen.

 

 

 

 

 

Bildergalerie

 

 

 

 

 

Die Strecke

 

 

 

 

 

 

 

 

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