Unter Geiern - Im Herzen der Chevennen

 

 

 

 

 

Die im Süden des Massif Central gelegenen Cevennen sind eine Mischung aus steinigen, trockenen Hochplateaus und zerklüfteten Schluchten, in die sich die Fluten des Tarn und der Jonte tief eingegraben haben. Durchzogen von kurvigen Bergsträßchen und dünn besiedelt sind sie eine der letzten wilden Ecken Europas und immer noch ein Geheimtipp.

 

 

Irgendwo im Nirgendwo

 

 

Von Alès aus, dem südöstlichen Einfallstor der Cevennen und einstiger Bergarbeiterstadt, deren stillgelegte Fördertürme am Stadtrand an einigen Stellen   noch zu sehen sind, folgen wir der Nationalstraße 106. Gut ausgebaut, bester Asphalt und kaum Verkehr. Fast hätten wir das zugewachsene Hinweisschild nach Saint-Hilaire-de-Lavit übersehen. 3 Km abseits der Hauptstraße, 116 Einwohner, mehrere freilaufende Hunde und ein paar Ziegen. Versteckt hinter einem mächtigen, 350 Jahre alten Olivenbaum erwartet uns unsere Unterkunft „La Vallée de Gaïa“, in den Resten eines ehemaligen kleinen Klosters. Die Aussicht von der Terrasse über die bewaldeten Bergkuppen der Cevennen ist fantastisch; leider könnte unser Zimmer einmal eine Grundreinigung vertragen. Na ja, ein paar Tage wird es schon gehen.

 

 

 

 

Französischer Zirkus - Cirque de Navacelles

 

 

Frische 12° erwarten uns am Morgen, dazu eine frische Brise. Das soll uns aber nicht davon abhalten, eine kleine Tour von nur 240 km, sozusagen zum „Einfahren“, anzugehen. Doch schon nach wenigen KM werden wir ausgebremst: „Route barrée a 6 km“ verkündet ein verbeultes Schild am Straßenrand. Straße in 6 Km gesperrt. Wir beachten es nicht; eine Silver Wing 600 kommt überall durch. Als die ersten Bagger auftauchen bin ich da nicht mehr so sicher. Es ist Sonntag und es sind keine Arbeiter in Sicht. Also Bauzaun auf, durchgefahren, Bauzaun zu, fertig. Klappt doch ;-).
Von Les Plantiers im Val Borgne aus, einem kleinen Ort mit zwei Restaurants, einer Post, einer Telefonzelle und herrlichen Platanen, nehme ich den Anstieg auf den Col de l’Ascelier (905) in Angriff.
Glücklicherweise ist hier Verkehr ein Fremdwort, denn der Asphalt ist schmal und die Kurven eng. Hinter dem kurzen Scheiteltunnel wird der Blick frei auf das typische Cevennenpanorama: Mit Kastanienwäldern überzogene Bergketten ziehen sich bis zum Horizont. Dazwischen eingestreut kleine Dörfer und die Dächer verfallener, verlassener Weiler. Im Nordwesten erhebt sich das Massiv des Mont Aigoual (1.567), im Süden liegen die Ebenen des Languedoc und im Westen die Causses (Hochflächen). Es folgt eine schöne Panoramastrecke hinab zum Col de la Tribale (612), dessen Passhöhe lediglich eine Kreuzung aus 4 Straßen ist. Waldiges Gelände umgibt uns. Die Bäume sind allerdings so klein, dass sie keinerlei Schatten spenden und die weitere Abfahrt somit äußerst sonnig aber auch aussichtsreich verläuft. Kleine Kurven führen den Hang hinab. Sozusagen im Vorbeifahren nehme wir noch den Col de la Cabale (492) mit und nach zwei ausladenden Kehren liegt Peyregrosse vor uns. Nächstes Etappenziel ist Le Vigan. Eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert führt uns über die Arre und wir folgen der D 48 bis Montardier. Die Silver Wing schnurrt über die Causse de Blandas, eine der für die Cévennen so typischen einsamen Hochflächen bis zum gleichnamigen Ort an der nördlichen Kante der Gorges de la Vis. Das Flüsschen Vis hat sich hier mehrere 100 Meter tief in die Karstlandschaft gefressen. Steil heben sich die Felswände empor. „Belvedere“ verkündet ein Schild. Da bleibt nur eins: Motor abstellen und einfach die Stille und die grandiose Aussicht genießen.
Wunderbar ausgebaute Serpentinen führen am Rand der Schlucht entlang. Entspanntes Dahingleiten ist angesagt. Ich biege zum Aussichtspunkt La Baume Auriol (615) ab. Ein kurzes, steil an den Felswänden und dem Abgrund emporstrebendes Sträßlein von 3 Km, immer mit freiem Blick in die Schlucht unter uns. Der Klammergriff der besten Sozia der Welt wird fester. Gegenverkehr ist nicht erwünscht. Fast schon am Rand der Hochfläche erwartet uns die einzige Kehre, dann rollen wir zum Besucherinformationszentrum La Baume Auriol aus. Ein spektakuläres Panorama liegt vor uns, als wir vom Hochplateau aus unvermittelt in den über 400 Meter tief abfallenden braun-grünen Trichter des „Cirque de Navacelles“ blicken. Die Vis hat hier ein imposantes Tal geschaffen. Eine ihrer Schleifen wurde vor etwa 6.000 Jahren abgeschnitten. Was übrig blieb, ist ein Talkessel, der noch Jahrhunderte später erkennen lässt, wo der Fluss sich einst im Tal entlang gewunden hat. Der „Zirkus“ gehört zu den „Grands Sites de France“ („Große Stätten Frankreichs“, Auszeichnung für Gebiete mit besonderen landschaftlichen, natürlichen und kulturellen Qualitäten). 2011 erhielt der Talkessel als Teil des Gebietes Causses und Cevennen die Auszeichnung der UNESCO als Kulturerbe der Menschheit.
Über die Hochfläche erreichen wir nach sechs leicht welligen Kilometern St-Maurice-de-Navacelles. Hier tauchen wir auf der D 25 nach Norden in die Gorges de la Vis ein. Entlang der Vis reiht sich Kurve an Kurve durch den Canyon. "Die spinnen die Franzosen, haben die doch beim Bau der Straße einfach die Geraden vergessen“. Das ist Fahrspaß der besonderen Art!
In der Nähe von Saint-Laurent-le-Minier stürzt die Vis über Felsvorsprünge und ein hohes Stauwehr und bildet so einen traumhaften Wasserfall. Grund genug, die Kurvenorgie kurz zu unterbrechen.
Zum Abschluss schwingen wir uns noch einmal den Col de Bantarde (624) und den Col de Prentigarde (785) empor. Die Strecke immer einsamer, enger und kurvenreicher. Endlose Sträßchen durch dichten Wald, der nie zu enden scheint. Erschöpft und hungrig erreichen wir wieder Saint-Hilaire-de-Lavit - nach 9,5 Stunden

 

 

Bildergalerie

 

 

 

 

Die Strecke

 

 


 

 

 

Tourvideo

 

 

 

 

 

 

 

 

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